Von Issac Ben-Israel

Ich denke, ich bin nicht der einzige Israeli, der sich fragt, was der Iran eigentlich von uns will. Wir haben keine gemeinsame Grenze mit dem Iran, und wir hatten nie einen substantiellen Konflikt. Selbst der Konflikt, den wir mit seinen palästinensischen „Brüdern“ haben, kann die tiefe Feindseligkeit des iranischen Regimes gegenüber Israel nicht erklären. Sie sind nicht einmal „Brüder“, da die Iraner keine Araber sind. Zwar sind sie Muslime, aber nicht aus dem „richtigen Lager“.

Die Iraner sind Schiiten, während die meisten der Araber in unserer Umgebung (mit Ausnahme der südlibanesischen Bevölkerung) Sunniten sind. Warum erklären die Iraner also dauernd ihr Verlangen, unseren Staat zu vernichten? Was wollen sie von uns?

Genau diese Frage habe ich vor etwa vier Jahren dem Mann gestellt, der zu jener Zeit als Vorsitzender der Reformpartei im iranischen Parlament fungierte, Dr. Reza Khatami. Zur Zeit unseres Treffens, irgendwo in Europa, war sein Bruder Präsident des Iran. Nach einigen Tagen von Gesprächen mit ihm und auf Grundlage dessen, was ich seitdem gelesen und gelernt habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der Hass der Führer des Iran (Konservative wie Reformer) gegen Israel nicht von Israels Politik oder seinem Handeln herrührt, sondern vielmehr von der Bedrohung ihres erstrebten Lebensstils durch die westliche Kultur.

Das gegenwärtige iranische Regime versucht, die Gesellschaft gegen das Eindringen von Ideen von außen abzusperren, die es als Bedrohung für die gegenwärtige Ordnung betrachtet. Gemäß den Autoritäten in Teheran wird der rechte Lebensstil von der alt überlieferten religiösen Tradition umrissen, auf der Basis der heiligen Schriften. Das Verlangen, die gegenwärtige Ordnung aufrechtzuerhalten, erfordert einen totalen Krieg gegen die Elemente, die seinen Wechsel wollen, angeführt von der „westlichen Kultur“, die andere Horizonte bietet und den Gedanken der freien Entscheidung hochhält.

Diese Kultur wurde auf dem Wege von Revolutionen geformt und bevorzugt Wandel und Innovation gegenüber Tradition und Religion. Es begann mit der religiösen Revolution des 16. Jahrhunderts (der Reformation), setzte sich mit der wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts und der industriellen Revolution des 18. Jahrhunderts fort und kulminierte in der politischen Revolution in Frankreich, die das Banner von Gleichheit und Bürgerrechten trug.

Die jungen Iraner sind verwirrt, sagte Staatsoberhaupt Khamenei vergangene Woche in Reaktion auf die Unruhen auf Teherans Straßen, und fügte hinzu, dass sie „mehr Spiritualität“ benötigen würden. Diese „jungen Leute“ (mehr als die Hälfte aller heute lebenden Iraner wurde nach der Khomeini-Revolution geboren) wollen leben wie ihre Altersgenossen im Westen. Sie wollen die Innovationen in Wissenschaft und Technologie genießen, die Freiheit, ohne Furcht vor der Regierung zu leben, und sie wollen ihre Ansichten zu jedwedem Thema zum Ausdruck bringen dürfen, ohne Zensur durch die alten Autoritäten.

Die westliche Kultur ist der größte Feind des iranischen Regimes, und aus diesem Grund hassen sie die Führungsmacht des Westens – die Vereinigten Staaten, und das Land, dass sie als deren Agenten im Nahen Osten wahrnehmen – Israel. Daher beziehen sie sich auf jene als „großen Satan“ und auf uns als „kleinen Satan“. Die USA werden im Iran nicht wegen Israels Verhalten gehasst. Das Gegenteil ist der Fall: Israel ist Zielscheibe des iranischen Hasses, da es die amerikanische Kultur verkörpert.

Der Iran erlebt derzeit einen Kampf, der in eine Revolution münden könnte. Es ist dies kein Kampf zwischen zwei Präsidentschaftskandidaten, dem, der „gewählt“ worden ist (Ahmadinejad), und dem, der die Rechtmäßigkeit der Wahl anzweifelt (Moussavi). An dieser Front hat der wirkliche Führer (Khamenei) Recht gehabt, wenn er sagte, dass alle vier Kandidaten von ihm für gut befunden worden seien und alle lediglich unterschiedliche Facetten derselben Idee repräsentieren.
Der wirkliche Kampf herrscht zwischen der herrschenden Elite und den jungen Leuten, die nach der Khomeini-Revolution geboren wurden. Jene wünschen eine Abriegelung des Iran, um das Einströmen neuer und gefährlicher Ideen von außen zu verhindern. Diese wünschen in einer offenen freien Gesellschaft zu leben, ähnlich der, die im Westen vorzufinden ist.

(Yedioth Ahronot, 29.06.09. Mit freundlicher Genehmigung der Botschaft des Staates Israel, Berlin.)

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